Wenn alte Mauern klagen könnten..

DIE GESCHICHTE DES "BERMUDADREIECKS"

 

EIN KURZES ESSAY

 

Die Gegenwart des Ruprechtsviertels wird vom Bermudadreieck geprägt. Hier regiert König Alkohol in einer absoluten Monarchie mit seinem kompletten Hofstaat an Folgeerscheinungen. Dreck, Lärm und Intoxikation grenzen ans Unerträgliche und sind eine permanente Schande für ganz Wien.

 

Dabei war die 1980/81 erfolgte Ingangsetzung dieses heutigen „Szenezombies“ („Falter City Walks“, Falterverlag 2004) alles andere als bösartig. Denn abgesehen vom außerhalb der City liegenden U4, dem Montevideo in der Annagasse und Franzi Rists legendäres Schoko (das mit dem Schlüssel), gab es im Wien Anfang der 80er kaum nennenswerte Plätze für szenegerechtes Ausgehen.

 

Zum besseren Verständnis des heutigen Bermudadreiecks muss man sich die Zeit der Entstehung in den frühen 1980er vor Augen führen: Der Eiserne Vorhang stand noch unüberwindbar, Reagan und Thatcher erfanden gerade den totalen Wirtschaftsliberalismus. Österreichs Mitgliedschaft in der EU schien undenkbar. Das Web war noch nicht erfunden, es gab weder Handys noch billige Flugreisen. Autos hatten keine Airbags, die CD war noch nicht am Markt, ein Computer für jeden war absolut unvorstellbar. Elitärstes HiTech-Medium war das Faxgerät mit Thermopapier; Wein wurde ganz selbstverständlich aus Zweiliterflaschen (genannt „Doppler“) ausgeschenkt. Und bis auf eine Handvoll Lokale gab es eben nichts für stilgerechtes Ausgehen in der Szene. Wien war damals tatsächlich grau, öd und uninspiriert mit dem riesigen Nachholbedarf einer ganzen Generation.

 

Handlungsbedarf war also dringend angesagt und hier schlug die Stunde des Bermudadreiecks. Von USA und England abgeschaute Lokalkonzepte wurden gewälzt und diese Konzepte auch umgesetzt. Dass innovative Lokalideen tatsächlich realisiert wurden, war für die damalige Szene neu, wobei behördliche Unerfahrenheit und unklare gesetzliche Regelung manches Konzept erleichterte.

 

Durch Zufall wurde 1980 ein Gassenlokal am Rabensteig 8 frei und Sepp Fischer (jetzt "Fischerbräu" in der Billrothstraße) setzte dort mit dem „Krah Krah“ den Grundstein für das, was später Bermudadreieck genannt werden sollte. 

In der damaligen eindimensionalen Lokal-Welt galt die Eröffnung des „Krah Krah“ mit dem verhältnismäßig riesigen Biersortiment als ostösterreichische Sensation. Die von Coop Himmelb(l)au entworfene Architektur des unmittelbar darauf folgenden „Roten Engel“ war Lokal-Avantgarde im Weltmaßstab und die reduzierte Retro-Coolness des „Ma Pitom“, eine Edelpizzeria als dritte im Bunde, machte  den Besuch für Designbewusste zur Pflicht. Dazu passte wie angegossen das musikalische Stilempfinden der Zeit, genannt „Neue Deutsche Welle“ mit Lokalmatador Falko.

 

Obwohl durch die 1980/81 in der Ecke Seitenstettengasse/Rabensteig eröffneten vier Lokale (auch das "Kaktus" zählt zu den Pionieren) eine echte Initialzündung geschah, verließ die Protagonisten schon nach kurzer Zeit die Inspiration (siehe dazu den lesenswerten Beitrag in: „Idealzone Wien. Die schnellen Jahre 1978 bis 1985“, S. 184; Falter Verlag 1998). Man mühte sich zwar noch kurz ab, wälzte diese und jene Lokalidee, aber ab 1984 war der Enthusiasmus endgültig verflogen. 

An Publikumsmangel konnten sich die immer zahlreicheren Lokale vorerst dennoch nicht beklagen; im Vollsuff spielt Esprit und Szene-Identität keine große Rolle. Aber langsam verschmuddelte die Gegend zum Ballermann (heutiges Wort dafür: „Partymeile“), also zum niveaulosen Ausschankcluster, bar jeden Stils. Das Publikum kam nur, um Fusel mit Bier zu saufen, und die schleichende (meist konzessionswidrige) Umformung zu Quasi-Diskotheken konnte die Attraktivität nicht heben.

 

Zudem verstärkte sich der Wettbewerbsdruck. Überall in der Stadt erblühten ab Mitte der 80er neue, tolle Lokale. Die Szene im Volksgarten und im Stadtpark („Meierei“), das nicht umzubringenden „U4“ mit Österreichs erstem Clubbing, dem "Flamingo", ein neuer Lokaltypus wie das „Cafe Stein“ und die äußerst gelungene „Summer Stage“ am Donaukanal (beide: Ossi Schellman), um nur einige zu nennen, stellten für das Bermudadreieck neue, unerreichbare Maßstäbe. Zudem konnten andere Lokale, wie die im menschenleeren Niemandsland gelegene Disko „Nachtschicht“, voll aufdrehen und den WienerInnen zeigen was echtes Abfeiern ist. Zu guter Letzt etablierte sich in den 90ern dann noch eine erfolgreiche Avantgardeszene entlang des Gürtels.

 

Im Bermudadreieck begann der Hut zu brennen. Geschäftsmodell, wo bist du, jetzt wo wir dich brauchen?

In dieser schwierigen Situation wechselten – mit oder ohne Wissen von Hauseigentümer und Behörden – die Pächter und Lokalbetreiber in schnellem Tempo. Noch wurden horrende (schwarze?) Ablösen bezahlt, und es galt rechtzeitig Kasse zu machen.

 

Die neuen Geschäftsführer wählten als vermeintliche Wunderwaffe gegen den Abstieg den Billigstalkohol. Dadurch veränderte sich das Publikum weiter. Immer jünger strömte es von immer weiter entfernter Peripherie herbei. Letzte Reste von Urbanität verschwanden schnell. Ein angespanntes, schwer uncooles Klima mündete in eine gefährliche Schieflage. Trotz verzweifelter Bemühungen lief das Geschäft einfach nicht wie früher.

 

Bei all dem hatte die Wohnbevölkerung der näheren Umgebung, immerhin fast 2500 Personen, natürlich nichts zu lachen: Im Laufe der Jahre wurden die Musikanlagen effizienter und basslastiger. Im Wettstreit um Kunden bemühte sich jedes Lokal um noch lautere Musik als der Nachbar. Auch die 1996 in naiver Vorstellung von „Weltstadt“ und „Weltoffenheit“ genehmigten Öffnungszeiten bis 4 Uhr verstärkten den Druck auf die schwer geprüften Bewohner zwischen Schwedenplatz, Hoher Markt und Vorlaufstraße.

Aber damit nicht genug: Ende der 90er kam von unerwarteter Seite eine zusätzliche Folter. Vermutlich durch die damals populären Spice Girls inspiriert, begannen weibliche Minderjährige schrille Kreischduelle als normale Straßenunterhaltung anzusehen. Nicht einfach laut, nein heftig, bis zum (gefühlten) Klirren von Fensterscheiben. Und dies vorzugsweise und besonders ambitioniert in den Morgenstunden, wenn ein hoffnungsvoll angemachter One-Night-Stand zum alkoholisch verzerrten und misslungenen Morgen-Grauen wird. Und – wie von Mutter Natur vorgesehen – im Schreiturnier mit enttäuschten, Paarungsbereitschaft röhrenden Jungmännern. Fortschritt, lass nach! Ende des 20. Jahrhunderts war der akustische Supergau im ehemals altehrwürdigen, geschichtsträchtigen und seit mehr als 2000 Jahren (!) ununterbrochen bewohnten Grätzel perfekt.

 

Arme, leidgeprüfte Anwohner. Unter der Decke brodelte es voller Hass. Aggressive, aber hilflose Einzelaktionen eruptierten. Jung und Alt waren am Ende. War dies Dantes Inferno und wenn ja, warum gerade hier? Im Stich gelassene, verzweifelte Staatsbürger entwickeln erstaunliche Gewaltphantasien; ein durch Schlafmangel ausgedünntes Nervenkostüm setzt ungeahnte Charakterfacetten frei. Der Kulminationspunkt, eine offene Revolution, war jetzt gefährlich nahe. 

Aber siehe da: In letzter Minute kam 2005 Ursula Stenzel als neue Bezirksvertreterin, auch von deklarierten Nicht-ÖVP-Wählern als mutige Person innigst begrüßt. 

 

Zwar unabhängig davon, aber doch von den neuen Umständen beflügelt, organisierte sich fast zeitgleich im Mai 2006 endlich eine Selbstverteidigung der Schwergeprüften: die Initiative RuprechtsViertel, genannt IRV, wurde von zwei Duzend Anrainern gegründet.

 

Die IRV bestand schlicht auf staatsbürgerlich korrekte Einhaltung der gesetzlichen und gewerblichen Regeln, wie sie für alle gelten, nicht mehr und nicht weniger. Bis dahin hatten Behörden und Polizei, aber auch die früheren ÖVP-Bezirksvorsteher, seltsam passiv, geradezu paralysiert zugesehen, wie Gesetze und Vorschriften laufend gebrochen wurden. Alle wussten was geschah, doch niemand konnte sich zum Eingreifen motivieren. Es schien unmöglich, im Zentrum des sonst so zivilisierten Wien gesetzeskonforme Zustände herzustellen. 

 

Dieses Wegschauen von oben, führte unter den Anwohnern zu ausführlichen Spekulationen über die Gründe. Viele Mutmaßungen wurden kolportiert. Ob ihrer Heftigkeit werden sie hier besser nicht wiedergegeben (zumal sie bis heute nicht bewiesen wurden).

 

Aber: The times they are a-changin wie schon Dylan wußte. Ein kleines Wunder scheint seit 2008 zu geschehen. Denn seit kurzem hat eine jüngere Beamtengeneration in Rathaus und Magistrat und nicht zuletzt auch die Ära Stenzel einen professionellen Zugang zum Problem Bermudadreieck geweckt. Konzessionen werden geprüft, Beschwerden werden behandelt. Die Rechte der Bewohner werden in Überlegungen mit einbezogen.

 

Dadurch sind nun die Lokalbetreiber im Zugzwang und zeigen erste, wenn auch zögerliche Ansätze zur Besserung. 

Und tatsächlich: ein Hauch von Zuversicht, die Probleme vielleicht doch bewältigen zu können, macht sich zart bemerkbar. 

Doch Achtung! Noch ist dieser Trend nicht unumkehrbar! Größte Vorsicht tut Not! Sollte die Aufmerksamkeit der Behörden auch nur kurz nachlassen, muss ganz klar mit einer schnellen Rückkehr alter Zustände gerechnet werden. Wachsamkeit bleibt daher allererste Bürger- und Behördenpflicht!

 

Trotz positiver Ansätze gibt es jedoch nach wie vor einen offenen Punkt: die bisher auffällige Abwesenheit der Polizei, theoretisch erste Ordnungsmacht im Staate. Diese „Präsenz der Absenz“ wirkt umso grotesker, als das Bermudadreieck eben kein gewöhnliches Pflaster ist. Gerade zwischen Mitternacht und 5 Uhr würden strenge, regelmäßige Polizeirunden Wunder wirken, behaupten Kenner der Situation. 

 

Von den obligatorischen Personalproblemen der Polizei wohl wissend, verlangen dennoch alle Bewohner zu Recht, dass unsere Exekutive auch im (zugegeben mühsamen) Ruprechtsviertel ihren gesetzlichen Auftrag wahrnehmen muss. Personelle Engpässe können nicht auf Kosten der Staatsbürger gehen, besonders nicht, wenn diese weder eine eigene Schutztruppe noch eigene Videoüberwachung aufstellen dürfen und gerade auch mangelnde Polizeikontrollen in der Vergangenheit die heutigen unhaltbaren Zustände förderten.

 

Dennoch: würde der zwar spröde aber erfreuliche Trend anhalten, könnte dem Bermudadreieck vielleicht sogar ein neuer Frühling blühen. Denn alle hoffen inständig, dass die Zukunft nicht nur More-Of-The-Same, also immer gleich unkreative, abgefuckte 08/15-Saufszenen bringt. Out of Style und schockierend langweilig (siehe z. B. die billig gestrickten Partyfoto-Websites der Lokale) schreit das Bermudadreieck längst nach einem Rebranding.

 

Noch einmal: Immergleiche Allerwelt-Logos, Schihütten-Schunkelei, dahergelaufene Studenten-Sauf-Preise und transfettes Burger-Food für Kinderbudgets bringen es auf Dauer nicht. Vielleicht entsteht, trotz des inzwischen irreparabel geschädigten Labels "Bermudadreieck", eine neue Avantgarde, ohne komatösen Höllenlärm, aber statt dessen mit Geist und Stil, um den Trend nicht gänzlich dem Naschmarkt und der sich langsam entwickelnden Donaukanalszene zu überlassen.

Unterstützen wir also echte, Verantwortung tragende Entrepreneurs, die Ideen und Initiative bringen. Vielleicht wird dann das Bermudadreieck noch einmal, wie damals vor mehr als einem Vierteljahrhundert, Identität stiftender Trendsetter für ganz Wien.

 

Nicht nur die Innenstadt hat es verdient. Die einmaligen Voraussetzungen – Zentrumsnähe und weltweit einmaliges historisches Ambiente inmitten einer globalen Spitzenlocation (Mercerranking Platz 1) – sind da. Jetzt heißt es handeln und alle, wirklich alle Akteure und Bewohner (nicht nur) des Ruprechtsviertels, würden eine Wendung zum Positiven jubelnd begrüßen. Vivat!

 

Walter Koessler

 

Gnadenlos
Casablanca
Excess
Sngria
Fuck the police
pussy-lick
Bermuda Schilder
VodkaBull


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